EQUIPMENT: Sebastian Kulik's Tech Talk

RÖHREN ODER HALBLEITER?

Diese Frage haben sich bestimmt viele schon einmal gestellt, oder?

 

Am Anfang war eine Gitarre.

Mit dieser sollte natürlich so viel Publikum erreicht werden, wie nur möglich! Nur wie? Natürlich verstärken!
Da es in den 30er und 40er Jahren nur Röhre (Electronic Tube oder einfach Tube) als einziges Verstärkungsbauteil gab, wurden die ersten Verstärker natürlich auf Röhrenbasis gebaut, mehr noch, alle Verstärker waren multifunktional. Erst sehr viel später kam der Begriff "Guitar-Amp" und genau darum geht es.

Die ersten Amps waren "eigentlich"  als reine Verstärker gedacht - was die Gitarre bringt sollte NUR verstärkt werden, soll heißen, der Klang sollte keineswegs verbogen werden - vielleicht mit EQ ein wenig verfeinert werden, mehr auch nicht. Leo Fender hat sich persönlich mehrmals darüber aufgeregt, dass viele Kunden "die Amps so aufdrehen dass es gar nicht mehr nach meiner Gitarre klingt!!". Etwas später haben Gitarristen sich auch Booster bauen lassen, so dass man die Amps so richtig "anpusten" kann und damit noch mehr Verzerrung hat.

Ein "Overdrive/Distortion" war damit geboren.

Röhre als Bauteil, sehr impulstreu, unlinear und vor allem lebendig.
Die Kennlinie und damit auch das Verhalten ändert sich ab der ersten Arbeitsstunde und ändert sich ständig, mal mehr, mal weniger. Auch im Vergleich mit Halbleitern haben Röhren sehr grosse Toleranzen.  

Oft wurden mir die Frage gestellt: "Mein Amp klingt erst nach 30 min/1 Stunde richtig gut. Am Anfang ist der Sound eher dünn, harsch, leblos, zickig. Muss das so sein?".

Da in einem Röhren-Amp große Temperaturen herrschen und mehrere Faktoren zusammen spielen, ist es im gewisse Maße auch ok. Man kann natürlich diesen Nebeneffekt eingrenzen, ganz eliminieren kann man das aber nicht und das ist auch gut so. Etwas später werde ich nochmal über die Arbeitsweise von Röhre berichten.

Ende der 70er Jahre kamen bezahlbare Halbleiterbauteile auf den Markt und viele - vor allem die Industrie - haben den Röhren einen schnellen Tod vorhergesagt. Die Gründe sind recht plausibel: halbleiterbasierte Schaltunge funktionieren sehr stabil und klingen nach Stunden/Monaten/Jahren genauso wie am ersten Tag (es sei denn, etwas stimmt nicht oder ist defekt). Die Amps können in Serien mit dem versprochenen Sound produziert werden, haben kaum Verschleiß, sind leicht, haben nur wenig Klangfärbung (röhrenbasierte HiFi Amps haben bestens 0.5% Zerrgrad, heutige Halbleiter dagegen 0.01% und besser), sind linear usw. Tolle Nachrichten, nicht wahr?

Nur, für die Musiker bringen all die technische Vorteile nichts, wenn "der Amp nicht schmeckt"…

Was man nicht vergessen darf: Gitarrenverstärker sind ein wichtiger Bestandteil von Klangformung und dürfen nicht ohne Kontext betrachtet werden. Der Amp ist eben ein Teil des E-Gitarren Sounds, genauso wie der richtige Lautsprecher und die richtige Box (dazu werde ich auch später kommen). Bei allen guten Seiten des Halbleiters spielt Psychoakustik eine sehr grosse Rolle und HiFi-Liebhaber werden das nur bestätigen. Mehr noch: ein Halbleiter kann und wird niemals nach einer Röhre klingen, da diese Bauteile rein physisch viel zu unterschiedlich sind.
Klar, man kann das Röhrenverhalten nachempfinden oder simulieren, nur es ist und bleibt eine Simulation. Ein guter Gitarrist (Bernd Kiltz wird das bestimmt bestätigen) wird früher oder später eine Simulation "entlarven". Ich habe ja nichts gegen Halbleitertechnik und benutze sie auch selbst wo es angebracht ist, aber ein Kinoerlebnis kann mit einer DVD und einem Home-Fernseher niemals verglichen werden, oder?

Genauso ist es mit Röhren und Halbleitern. Die Erfolgsgeschichte der bekannten Grüne Tretmine ist ein Beweis dafür, dass man mit einem an der richtige Stelle eingesetzten Halbleitern sehr glücklich werden kann.

Kann er die Röhren ersetzen?

Nein, aber erweitern! Abgesehen vom Harmonischen, hat die Röhre ein ganz spezifisches dynamisches Verhalten, welches nur mit vielen Tricks und viel Aufwand simuliert werden kann. Und dabei klingt ein guter Röhren-Amp bereits während ein Halbleiter-Amp noch an den Simulationsabläufen umdenkt. Ich schreibe ganz bewusst "ein guter Röhren-Amp", denn "All Tube Amp" ist kein (!!!) Zeichen von Qualität oder Sound.

So, das soll es für's Erste gewesen sein und verabschiede mich bis zum nächsten Mal.

Fortsetzung folgt...

 

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Sebastian Kulik

Sebastian Kulik, bekannt durch die Firma Kulik Design (Mitbegründer und Hauptentwickler). Geboren in der Ukraine, lebt seit 18 Jahre in Deutschland und hat Geige und Videotechnikentwicklung studiert.

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